Baltic-Sea-Circle 2017

berichtet von Jochen Extra

Im Frühjahr erreichte mich die Anfrage, ob ich eventuell Interesse hätte die Baltic-Sea-Circle Rallye mitzufahren.
Die Rahmenbedingungen hörten sich ganz interessant an:

  • Die Autos älter als 20 Jahre
  • 7500 km Rallyestrecke
  • 10 Länder
  • Keine Autobahnen
  • Kein GPS
  • 16 Tage

In meinem jugendlichen Leichtsinn sagte ich zu und schon ging es los. Einsatzwagen war ein Audi 80, mit 25 Jahren und 350 000 Km gerade gut eingefahren. Für Russland musste im Vorfeld ein Visa beantragt werden.

Am 16.6 ging es nach Hamburg, wo Start und Ziel war. In Hamburg Übernachtung im Hotel Altona. Hotel und Besitzerin strahlten noch den Charme der 70er aus. Am nächsten Morgen Treffen aller 250 (!) teilnehmenden Teams am Fischmarkt. Großes Hallo und erstes Kennenlernen. Überwiegend sah man jüngere Teilnehmer mit reichlich Tatoos. Um 14 Uhr war Start des gesamten Feldes, und dann ging es richtig los. Von Hamburg nach Dänemark, dann quer durch Südschweden nach Malmö ins Wikingerland. Von dort führte die nächste Etappe nach Mittelschweden und weiter nach Norden.

Während daheim alle unter einer Hitzewelle litten, fuhren wir nach Norwegen und überquerten den Polarkreis bei 4 Grad und Schneefelder am Straßenrand. Quer durch Norwegen rauf und mit der Fähre auf die Lofoten übergesetzt. An einem wilden Strand war der erste Sammelpunkt aller Teilnehmer zur Sonnwendfeier. Tolles Bild: Alle Autos, Zelte, Fahnen und ein riesiges Lagerfeuer. Die Lofoten wurden durchquert und es ging weiter rauf zum Nordkapp. Nach dem obligatorischen Foto am nördlichsten Wendepunkt fuhren wir Richtung Russland. Übernachtung kurz vor Kirgenses, um am nächsten Morgen die Grenze zu überschreiten.

Der Grenzübergang war streng korrekt und für uns ohne Probleme. Manche Teams hatten allerdings die strengen Einfuhrbestimmungen unterschätzt und leider erheblichen Ärger. Wir fuhren weiter bis nach Murmansk, dem nördlichsten eisfreien Hafen. Hier rottet die ausgemusterte russische Atom-U-Boot Flotte vor sich hin. Weite Teile sind Sperrgebiet und nicht zu befahren. Murmansk ist ein gutes Beispiel für den real existierenden Sozialismus: Alles verrottet, alles trist und abgewirtschaftet, aber mit überaus freundlichen Leuten. Im Hafen liegt die LENIN, der erste atomgetriebene Eisbrecher der Welt. Mittlerweile stillgelegt und teilweise als Museum zugänglich. Wir konnten eine höchst interessante Führung mitmachen, wenn auch leider nur in russischer Sprache.

Von Murmansk führte die Strecke nach St.Petersburg: 1400 km auf einer Bundesstraße nur durch endlose Wälder. Weiter ging es Richtung Grenze zu Estland. Grenzübergang wieder langwierig und streng korrekt und dann hatten wir Russland hinter uns.

In Estland traf sich das gesamte Feld wieder, auch die Teilnehmer, die nicht durch Russland sondern durch Finnland nach Estland gefahren waren. Die nächste große Party gab es hier in einem ehemaligen Kolchosenkomplex, der jetzt als Eventlocation dient. Mittlerweile merkte man einigen Teams doch die ersten Verschleißspuren an Mensch und Maschine an. Unser Audi dagegen lief wie geschmiert ohne jedes Problem, daher hielt sich unser Stress in Grenzen. Von Estland aus fuhren wir nach Lettland, über die Grenze nach Litauen bis nach Polen. Von dort hoch nach Danzig und dann ab nach Hamburg.

Nach 16 Tagen erreichte das Feld mit nur einem Totalausfall wieder den Fischereihafen in Hamburg. Großer Empfang, super Stimmung und dann stieg abends noch in einer Brauereigaststätte die Abschlussveranstaltung. Es gab tatsächlich offizielle Platzierungen, was aber keinen so richtig ernsthaft interessierte. Gewinner war jeder, der es geschafft hatte anzukommen. Und die eigentlichen Sieger waren die Hilfsprojekte, die durch Spenden, die die Teilnehmer im Vorfeld oder während der Rallye sammelten, unterstützt wurden. Sagenhafte 450 000 Euro wurden auf diese Weise an die Charity-Partner verteilt.

Am nächsten Tag ging es für uns gen Süden nach Hause um wieder ins normale Leben einzutauchen.

Rückblickend eine tolle Veranstaltung mit einem hohen Abenteueranteil. Allerdings war es wohl auch eher eine typische Männergeschichte (460 Männer zu 68 Frauen): Manche Teams legten den Schwerpunkt ganz klar auf Autofahren, Grillen und Biertrinken.